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Universität Stuttgart

Institut für Philosophie

Abteilung für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie

Seminar zur Religionsphilosophie der Neuzeit

Dozent: PD Dr. Peter Fischer


Wintersemester 2003/2004





Der Atheismus als Phänomen der Neuzeit und mögliche Wege zu seiner Überwindung ausgehend von Joels “Der Glaube des Atheisten”.












Yven Johannes Leist

Schwabstr. 78

70193 Stuttgart Telefon: 0711/6209170

E-Mail: leist@beldesign.de

Fächer: Engl./Phil. (LA)

Semester: 4/3

Inhaltverzeichnis:


Einleitung.......................................................................................1

Der Argumentationsgang Joels...........................................................2

Die Frage nach der Aktualität der Religion...........................................4

Die Naturwissenschaft und ihr Bezug zur Religion.................................7

Schlußbetrachtung..........................................................................13

Bibliographie..................................................................................15

























Einleitung:


Das generelle Problem des Atheismus erscheint klar: er repräsentiert eine Haltung die nur negiert, die also ohne dasjenige, was sie verneint nicht auskommen kann. (Zumindest solange sie nichts anderes an die Stelle des Negierten stellt, was im Einzelnen zu untersuchen wäre.) Diese Tatsache wird von Joel in seiner Schrift “Der Glaube des Atheisten” auch sehr deutlich formuliert:

Gott konnte zu allen Zeiten auch als erstes Prinzip logisch oder physikalisch gefordert werden; der Atheismus aber konnte in solchem Sinne nicht gefordert werden.”1


Doch auch wenn der Atheismus in diesem Sinne als trefflich angreifbar erscheint, so muss doch die Frage entstehen, was denn die reichlich abstrakte und schemenhafte Konstruktion des Gottes, wie man sie heutzutage in den meisten westlichen Religionen antrifft, dem “praktischen gekommen Atheismus2”, wie Joel es formuliert, entgegensetzen kann, auch, oder vielleicht sogar insbesondere dann, wenn sich letzterer, wie Joel argumentiert, in den Formen des Deismus, des Pantheismus, des Agnostizismus oder des Antitheismus auflöst3. Es muss hier ja zwangsläufig die Frage entstehen: Welche Zukunft hat die Religion? Oder, konkreter formuliert: hat sie noch einen tatsächlichen, substantiellen Bezug zur Lebensrealität der Menschheit, bzw. des einzelnen Menschen? Oder anders, und noch konkreter gefragt: Könnte es einen Weg geben auf dem ein solcher Bezug wiederzugewinnen wäre?


Ich möchte in dieser Schrift versuchen in Kürze den Argumentationsgang von Joel nachzuvollziehen und davon ausgehend die obig aufgeworfene Frage nach der Wiedergewinnung eines Bezugs zu einer (neuen?) spirituell religiösen Qualität aufgreifen.




Der Argumentationsgang Joels:


Joel beginnt seine Abhandlung mit der Unterteilung der Atheisten in

solche, die nur von anderen so bezeichnet wurden, solche die sich selbst gerne so nannten, und solche die tatsächlich Atheisten waren4.

Er sucht dann im Einzelnen darzulegen wie sich Philosophen aus der Antike bis zur Neuzeit in den jeweiligen Epochen in ihren Betrachtungen zu der Konzeption eines Gottes stellten. Die durchaus stichhaltig belegte Folgerung sieht er in der schon erwähnten Auflösung des Atheismus in

den Deismus, den Pantheismus, den Agnostizismus oder den Antitheismus. “So fällt der historische Atheismus als Theorie dahin. Es gab keine reinen Philosophen des Atheismus, wie es keine reinen Materialisten gab, keine Leugner der Seele.”5

Dem Konzept des Atheismus als solchen weist Joel jedoch insofern wiederum eine Bedeutung zu, als er ihn als “negative Theologie”, als Kraft der Bestreitung sieht, die der Glauben notwendigerweise zu seiner Entwicklung braucht6; ein Gedankengang der der Konzeption des Bösen als Mittel zur Erstarkung des Guten ähnelt.

Jedoch kommt auch Joel nicht umhin zu konstatieren dass “die Welt immer größer geworden [ist] und darum Gott immer ferner gerückt, immer schwerer zu finden, immer höher zu suchen [sei]”.7

Und hier macht der drastische Schluß des Aufsatzes ein gewisses Dillemma deutlich, denn wenn Joel diejenigen, die eigentlich nur zu abgelenkt sind von der Sinnewelt um die Gottesfrage, die Frage des letzen Haltes zu stellen, wenn auch in rhetorisch fragender Form, als Barbaren bezeichnet, (worin man ihm, einmal von der polemisierenden Qualität einer solchen Aussage abgesehen, grundsätzlich vielleicht sogar zustimmen könnte), wird ja doch deutlich, dass auch er selbst keinen Weg zu sehen scheint, wie die Entfernung von dem Gott, ja von etwas Göttlichen überhaupt in der Lebensrealität des Einzelnen letztendlich denn überwunden werden könnte, was die Radikalität seiner Aussage für den Mitdenkenden doch zumindest abschwächen muss.


Zwar könnte man aus seinem letzen Absatz folgern dass ein solcher Weg zur Wiedergewinnung einer religiösen Qualität in der bewußten Hinwendung zu etwas Innerlichem gesehen werden könnte, also einer zumindest temporären Abkehrung von dem “Rausch der Sinne”, doch muss eben dies ja schwierig bleiben wenn der Gott, oder ein göttliches Prinzip in einem fortwährenden geschichtlichen Prozess immer ferner gerückt ist, ja letztendlich der Lebensrealität des Einzelnen gänzlich entrückt zu sein scheint.

Man kann sicherlich diese Entrückung, diese, man könnte provokativ (zumindest für den Atheisten) sagen, Entfremdung von jeglichem Göttlichen als eines der großen Probleme unserer heutigen Zeit betrachten, denn so großartig die moderne Naturwissenschaft ist, so hat sie ja doch keinen Ersatz für den Bereich des Religiösen geben können, den sie, je nach dem wie radikal ihr Anspruch auf alleinige Weltdeutung vertreten wird, entweder als kategorisch unbeweisbar oder sogar als falsch und unwissenschaftlich, (weil vermeintlich im Konflikt mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stehend) abtut. Im ersteren Fall, also der Ansicht alles Religiöse müsse für immer unbeweisbar bleiben,

bleibt für den Bereich des Religösen immerhin noch ein, wenn auch nicht zu beweisender, so doch zumindest nicht mit Sicherheit zu leugnender Rückzugsbereich. Im letzteren Falle, also der Ansicht Religiöses, stehe z.B. in der Form der Vorstellung einer menschlichen Seele, oder eines menschlichen Ichs im Widerspruch zu Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung, (in diesem Falle z.B. der Neurophysiologie), wird der Mensch, so er sich denn dieser Interpretation anschließt, gänzlich der Welt religiöser Vorstellungen entrissen, was, ja aufgrund der letztendlich doch nicht beantworteten tiefergehenden Fragen des Daseins, auf Dauer nur innere Leere und innere Heimatlosigkeit bewirken kann.



Die Frage nach der Aktualität der Religion:


Schaut man sich an was z.B. C.F. Geyer in der Einleitung8 zu dem Band “Religionsphilosophie in der Neuzeit” schreibt, so wird deutlich dass die Frage nach der tatsächlichen Aktualität der Religion für den Einzelnen doch weitgehend offen gelassen wird. Es wird zwar eine Aktualität der Religion konstatiert, auch über ihre fundamentalistischen Ausprägung hinaus9, doch sind zumindest für die Religion “die (größtenteils beschreibenden) Kulturwissenschaften zum avanciertesten Medium der Selbstvergewisserung und Weltdeutung [geworden]”, die Hegels Diktum von der Versöhnung welche die Philosophie sei – denn: “die Philosophie ist insofern Theologie”-, nur noch als fernen Traum erinnern”10.

Und weiter: “Keine der angesprochenen Reaktualisierungsbemühungen der Religion läßt daher erwarten, daß sie “das semantische Potential, aus dem die Menschen schöpfen, um die Welt mit Sinn zu belehnen und erfahrbar zu machen” (Zitiert nach J. Habermas, aus Kultur und Kritik, Frankfurt 1973, 319 und 326f.), gegenwärtig halten, erweitern oder gar transformieren.”11


So bleibt eben, wie schon gesagt, die Frage bestehen: Gibt es einen Weg auf dem eine religiöse Stimmung, ein religiöser Bezug für den Einzelnen wiederum zu erreichen wäre?

Ich möchte in dieser Arbeit versuchen einen meiner Meinung nach zumindest dem Ansatz nach möglichen Weg aufzeigen, der zur Wiederfindung, nicht der Religion als dogmatischem System von Glaubensinhalten, aber vielleicht zur Wiederfindung einer Qualität die an Spirituelles, (und damit an die offenbarten Religionen doch zumindest potentiell Anknüpfendes) führen könnte. Dies auf einem Weg, der zunächst scheinen könnte in die diametral entgegengesetzte Richtung zu dem gesetzen Ziele zu führen, nämlich über die Naturwissenschaft, die ja heutzutage den vermutlich größten Anteil an der verbreiteten Überzeugung von der völligen Überholtheit alles Religiösen hat.


(Einer der Impulse tatsächlich einen solchen Versuch in dieser Arbeit zu unternehmen (bzw. zu referieren) verdanke ich dem kürzlich von Dr. Dr. Ervin Laszlo veranstalteten Seminar zu dem Thema “Systemtheorie als Weltanschauung” (das im Wintersemester 03/04 an der Universität Stuttgart statffand), in dem über das eigentliche Thema hinaus auch Fragen nach der Methodik wissenschaftlichen Erkennens überhaupt gestellt wurden. Die von Dr. Laszlo vertretene Ansicht, dass die westliche Wissenschaft möglicherweise fälschlicherweise an dem Dogma festgehalten habe, dass jegliche Information nur über unsere äußeren Sinne aufgenommen werden könne, und das die, durch zahlreiche Befunde aus der Erforschung transpsychologischer Phänomene möglicherweise sogar zwingend notwendige Aufgabe dieser Überzeugung, zu einer Synthese westlich empirischer und östlich, mehr spiritueller Erkenntnishaltung führen könnte, ist mir besonders eindrücklich gewesen. Es scheint mir als ob sich hier tatsächlich eine “Vision der Neuen Wissenschaften” (so der Untertitel von Laszlos Buch Das Fünfte Feld, auf das ich noch zurückkommen werde) abzeichnen könnte.


Es sei an dieser Stelle vielleicht noch eine Bemerkung zur Methodik eingefügt: Es mag natürlich der Eindruck entstehen, die von mir erörterten Themen seien zu spezifisch, zu stark auf Einzelnes, Partikulares gerichtet und somit in der Gefahr den Bereich strenger Philosophie zu verlassen. Anstatt auf diesen möglichen, (und vielleicht durchaus berechtigten) Einwurf selbst einzugehen, möchte ich es mir erlauben auf einen anderen Text zu verweisen, der meines Erachtens diese Problematik (oder eben auch Notwendigkeit) der Beschäftigung mit scheinbar zu Patikularem treffend behandelt. Es ist dieser Text die Einleitung zur Schrift “Von der Antiquiertheit des Menschen” von Günther Anders. Nur ein Kernsatz sei hier zitiert: “[...] dass der Philosophierende vielmehr, und zwar immer, auf etwas (Hervorhebung von Anders) losgehen muss, auf etwas Spezifisches, auf etwas vom Grund Verschiedenes, eben auf etwas dem er auf den Grund geht.”12


Verdeutlichen wir uns also noch einmal die Problemstellung: Der Gottesbezug ist dem modernen Menschen (zumeist) ein völlig abstrakter geworden, ja er ist vielfach sogar zur völligen Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Auf der anderen Seite darf eine völlige Abwendung von Höherem zu recht als problematische Anmaßung erscheinen, inbesondere als ja gerade die reine Naturwissenschaft nicht in der Lage ist die letzten Fragen hinreichend zu beantworten. Doch muss natürlich eine bewußte Hinwendung zu etwas Höherem, mehr sein als nur eine, verschüchtert neben der, mit immer stärkerem Deutungsanspruch auftretenden reinen Naturwissenschaft stehende Aufforderung zu mehr Innerlichkeit und dergleichen, wenn sie heutzutage noch ernst genommen werden soll. Hier mag sich eben die Frage stellen ob nicht gerade aus einer richtig verstandenen Naturwissenschaft heraus ein Ansatz gefunden werden könnte, der sich nicht mehr auf die Trennung von Wisschenschaft und Religion berufen müßte um Bestand haben zu können, insbesondere auch darum als eine strikte Trennung in diesem Sinne, der Religion neben der heutzutage so übermächtigen Naturwissenschaft letztlich wohl kaum noch einen substantiellen Raum sichern könnte.

Vor hundert Jahren mag so ein Vorhaben noch ketzerisch oder schlicht undurchführbar gegolten haben, einfach aufgrund des Grabens der die stark materialistisch naturwissenschaftlichen Theorien von jeglichen Theorien eines objektiv Geistigen trennen mußte. Das schon erwähnte Seminar zur “Systemtheorie als Weltanschauung” im Rahmen der Gastprofessur Dr. Dr. Ervin Lazslos hat mich durch die in seinem Rahmen entstehende Diskussion jedoch in der Überzeugung bestärkt dass ein solches Unterfangen doch mittlerweile auch von philosophischer Seite gewagt werden könnte, eben unter möglichst eingehender kritischer Betrachtung und Evaluierung der Erkenntnisse neuester wissen- schaftlichen Forschung.



Und könnte es denn tatsächlich gelingen einen solchen Weg in unserer heutigen Zeit zu finden, einen Weg, der den modernen, unzweifelhaft in immer größerem Ausmaße exakt wissenschaftlich denkenden Menschen, eben durch diese naturwissenschaftliche Exaktheit wiederum zu etwas Geistigen führte, so wäre sicherlich nichts Geringes geleistet. Dieser Aufsatz mag als ein bescheidener Anschluß an die schon vielfach unternommenen Versuche in diese Richtung verstanden werden, wobei der Rahmen dieser Arbeit natürlich viel zu gering ist als dass überhaupt mehr als nur eine grobe Skizze eines solchen Unterfangens in ihr enthalten sein könnte.



Die Naturwissenschaft und ihr Bezug zur Religion:


Mögliche Ausgangspunkte für einen solchen naturwissenschaftliche Erkenntnissweg lassen sich nun sicherlich am Besten dort finden wo die größten Rätsel der Wisschenschaft zu finden sind, unter diesen die Entstehung des Lebens, und die Entstehung von Bewußtsein.


Was dem unvoreingenommen Betrachter z.B. bezüglich der ersteren Frage auffallen kann, ist, dass gerade in der Biologie ein deutlicher Widerspruch herscht, zwischen der oft selbstsicher präsentierten Überzeugung, man sei zumindest nicht mehr weit von der prinzipiellen Erkenntnis des Lebendigen und seiner Prinzipien entfernt, und den tatsächlichen Fortschritten bezüglich der Erkenntnis solcher elementarer Prinzipien des Lebens. So bekannte der US-Chemiker George Whitesides, ein Pionier der Nanotechnik, als er kürzlich in der Zeitschrift „Der Spiegel“ auf die Versuche seines Kollegen Craig Venter Leben künstlich herzustellen angesprochen wurde, erstaunlich freimütig: “Ich finde er [Craig Venter] schummelt. Wenn ich eine Sammlung von Ribosomen, Membranen und Proteinen nehme, stecke alles zusammen und siehe da es arbeitet, dann ziehe ich Nutzen aus mehr als dreieinhalb Milliarden Jahren Evolution, die mir die Ribosomen und Membranen zur Verfügung stellt. Wenn wir aber selbst versuchen, ein replizierendes System zu entwerfen, dann stehen wir bei null. Wir wüssten nicht einmal wo wir anfangen sollten”13. Selbstverständlich liegt das Rätsel der Entstehung im selben Dunkel wie die Frage nachdem was ein sich lebendig replizierendes System eigentlich ausmacht. So kann man mit Fug und Recht behaupten dass unverändert gilt, was Thomas Mann seinen Held Hans Castorp schon 1924 in seinem Roman “Der Zauberberg” sagen lies: “Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wirbeltier war der Abstand geringfügig, unwesentlich im Vergleiche mit dem zwischen der einfachsten Erscheinung des Lebens und jener Natur, die nicht einmal verdiente, tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung vergebens zu überbrücken strebte, Man mühte sich, ihn mit Theorien zu schließen, die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im Geringsten einzubüßen.”14


In diesem Bereich scheint es oft so, als ob man eine Tendenz der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnishaltung beobachten könne, die sich in leicht abgewandelter Form bei Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus folgendermaßen beschrieben wiederfindet: “Der ganzen modernen modernen Weltanschaung liegt die Täuschung zugrunde, dass die so genannten Naturgesetze die Erklärung der Naturerscheinungen seien. So bleiben sie bei den Naturgesetzen als etwas Unantastbaren stehen, wie die älteren bei Gott und dem Schicksal”.

Studiert man nämlich die Kontroverse um die Entstehung des Lebens (als auch damit auf Engste verbunden, der Natur desselben), so kann auffallen, dass diejenigen die die modernen wissenschaftlichen Anschauungen gegen die ewig Ungläubigen verteidigen, oft dazu neigen das Kind mit dem Bade auszuschütten, indem sie nämlich nicht nur (höchst lobenswerterweise) die Klarheit der modernen Naturwischenschaft und ihrer gedanklichen Konzepte gegen die verschwommene, ja oft wirre Anschauung derjenigen vertreten die aus falsch verstandener Religiosität einen Gott in die biologische Evolution krampfhaft hineinkonstruieren wollen (und denen dann oft jede kleinste Unstimmigheit recht ist, der, ja in ihrer Exaktheit zweifelsohne großartigen biologischen Forschung eine Generalabsage zu erteilen), sondern dass eben diese Verfechter der modernen Biologie dann oft nahezu oder sogar tatsächlich blind gegenüber den beispielhalber oben aufgeführten fundamentalen und völlig ungelösten Problemen eben dieser biologischen Forschung und Forschungsmethodik zu werden scheinen, und in einem quasi-religiösen Eifer all diejenigen angreifen, totschweigen, oder lächerlich machen die auf diese Probleme hinweisen, oder Konzepte vorschlagen, die nicht in das streng materialistisch-reduktionistische Dogma der biologischen Forschung passen. Der Mensch scheint an dieser Stelle unbewußt die Dogmatik der alten religiösen Weltsicht auf die Naturwissenschaft zu übertragen: aus dem alleinigen Deutungsmonopol der Religion und dem Ausschluß der wissenschaftlichen Forschung wird das alleinige Deutungsmonopol der Naturwissenschaft und der Ausschluß all desjenigen das nach ketzerisch kritischer Betrachtung der Naturwissenschaft und der Methoden mit der sie ihre Probleme zu lösen sucht aussieht.


Eine glänzende Zusammenfassung solcher gravierenden Probleme im Bereich der Biologie findet sich in dem Buch “Das schöpferische Universum”15 (Originaltitel: „A New Science of Life“) von Rupert Sheldrake, der dort sehr anschaulich darlegt, inwieweit die heutzutage allgemein übliche Annahme der lebendige Organismus sei allein durch das (natürlich enorm komplexe) Zusammenspiel rein physiko-chemischer Prozesse verständlich, zwar nicht unmittelbar widerlegbar ist, aber doch vor so enormen Problemen steht, dass eben noch ganz und gar nicht abzusehen ist, ob die bisherige streng konstruktivistisch-reduktionistische Methodik tatsächlich ausreichend wird um das Rätsel des Lebendigen wissenschaftlich zu lösen, und letztendlich an dieser Auffassung sogar weitreichende Zweifel angemeldet werden müssen. Es fehlt mir leider im Rahmen dieser Arbeit sowohl an Zeit als auch an Raum um die wichtigsten Punkte dieses Buches in vernünftigen Umfange zu referieren, somit sei dies einer erweiterten Version dieser Arbeit vorbehalten und an dieser Stelle nur eine äußerst grobe Zusammenfassung dessen gegeben was Sheldrake als Lösung der von ihm beschriebenen Probleme vorschlägt.

(Es ist selbstverständlich dass es hier nicht um eine letztendliche Beurteilung der Plausibiliät seiner Theorie gehen kann, sondern vielmehr nur um die Implikationen die sich aus der möglichen Richtigkeit seiner Theorie ergäben.)

Wie der Untertitel des Buches („Die Theorie des morphogenetischen Feldes“) bereits sagt, liegt die Neu-Konzeption die Sheldrake postuliert, in dem Vorhandensein eines sogenannten morphogenetischen Feldes, das eine Art Bauplan für Form und Verhalten biologischer Organismen darstellt und das auf eine potentiell feinstoffliche Art und Weise mit der Materie des lebendigen Organismus interagiert und das darüberhinaus die Übertragung von Eigenschaften eines Individuums auf anderem Wege ermöglichen würde als es bei der rein reproduktiven Vermischung des Genmaterials der Fall ist.


Ist diese Theorie nun nur als ein radikaler Versuch eines Einzelnen zu betrachten, oder sind vielleicht andere Wissenschaftler zu ähnlichen wissenschaftlichen Hypothesen gelangt? Wie die Fragestellung schon vermuten läßt ist letzteres tatsächlich der Fall, wobei eine Theorie des schon erwähnten Forschers Dr. Ervin Lazslo hier von besonderem Interesse ist. Sie ist in seinem Buch “Das fünfte Feld - Geist, Materie; Leben. Vision der neuen Wisschenschaften”16 dargelegt, und ähnelt der Theorie Sheldrakes sowohl in den Fragen und Problemstellungen die maßgeblich zu ihrer Formulierung führten, als auch ihrem Ergebnis nach. Nur zwei Probleme bezüglich derer Lazslo einen Erklärungsnotstand sieht, seien hier angedeutet: Zum einen die Tatsache, dass eine rein nach den Gesetzen von zufälliger Mutation und nachfolgender Selektion (dem Kriterum der reproduktiven Fitness folgend) ablaufende Evolution nach mathematisch statischen Modellen ungleich länger gebraucht haben müßte als sie es nach dem heutigen Kenntnistand tatsächlich brauchte.

Zum anderen die vielfach, und mit zunehmender Exaktheit erforschten Phänomen der transpersonalen Kommunikation (siehe z.B. Die Forschungen von Russel Targ und Harold Putoff in 17).

Zur Lösung dieser Probleme schlägt Laszlo nun ebenfalls ein Feld vor, dass er das “PSI-Feld” tauft, und dass auf eine ähnliche Art und Weise wie bei Sheldrake für eine Kommunkation zwischen Individuen sorgt. Hinsichtlich der Evolutionsproblematik ist die Qualität der Informationsweitergabe die ein solches Feld von Organismus zu Organismus ermöglichen würde, entscheidend, da sie zu ganz neuen Modellen zur Erklärung der Geschwindigkeit der Evolution führen könnte.

Hinsichtlich der Phänomene der transpersonalen Kommunikation ist die mögliche Anwendung klar, insofern als menschliche Individuen über ein solches Feld in einer Weise verbunden sein könnten die eine Übertragung von emotionalen Eindrücken oder Gedanken, bzw. deren neurophysio- logische Repräsentation ermöglichen könnte.

Unabhängig von den noch durchaus vage formulierten Details gibt es eine wichtige Übereinstimmung zwischen den Theorien von Sheldrake und Laszlo, nämlich die, dass sie beide ihre Felder ausgehend von Eigenschaften der Quantenmechanik postulieren; und dies ist vielleicht der spannendste Aspekt: das die Hypothesen dieser Felder zwar an streng naturwissenschaftliche Konzepte anschließen (Quantenvakuum, etc), jedoch diese Konzepte selbst, den üblichen, stofflichen Materiebegriff so stark transzendieren, dass das nun (zunächst natürlich hypothetisch) postulierte Feld selbst kaum noch Eigenschaften hat die trefflich mit dem Begriff “materiell” beschreiben werden könnten. Im Zweifelsfalle erscheint dieses Feld eben sogar eher als etwas Geistiges, zumindest eben als etwas Feinstoffliches, nahezu Immaterielles, das besser mit dem Begriff der Information beschreibbar ist. Laszlo vermutet dass man mit Hilfe der Theorie des PSI-Feldes sogar Ideen wie die eines Weltengedächtnisses (Akasha-Chronik) oder der Reinkarnation erklären könnte. Eine solche Schlußfolgerung liegt natürlich noch fern einer wissenschaftlichen Überprüfbarkeit, und wird selbstverständlich von vielen heutigen Wissenschafter radikal verneint werden, doch kann eine derartige Verneinung heutzutage auch eben selbst nur eine andere Interpretation der Wirklichkeit (oder der Frage nach ihrer Erkennbarkeit) darstellen und keine, nach dem heutigen Stand der Wisschenschaft unmittelbare Widerlegung, oder eine als kategorisch unbeweisbare Klassifikation einer solchen Konzepten eines PSI-Feldes als reiner Aberglaube. Denn eine solche Konzeption als Aberglaube zu bezeichen, würde ja bedeuten, dass man eindeutige Beweise hat warum sie gar nicht mit den geltenden wissenschaftlichen Anschauungen vereinbar sei, also mit diesen in Widerspruch steht oder eben zumindest nicht aus ihnen heraus erklärbar ist. Genau eine solche Darlegung scheinen aber die Erkenntnise der Quantemechanik nicht mehr zuzulassen; die Frage, ob eben z.B. eine solche Konzeption eines PSI-Feldes stimmig ist oder nicht, verläßt also somit den Raum der Wisschenschaft vs. Religion Diskussion und wird zu einer Frage der Forschung die weder eindeutig dem Bereich dessen was bisher als Naturwischenschaft verstanden wurde zuzuordnen ist, noch dem Bereich dessen was bisher als rein religiöse Spekulation betrachtet wurde (und werden mußte) angehört.


Die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Materie bzw. die Frage welcher dieser beiden Prinzipien den das Primat zuzusprechen sei (philosophisch gesprochen also die Frage nach dem Idealismus gegenüber dem Materialismus), bzw. der Frage, ob im Sinne einer Vereinigung dieser dualistischen Konzeption ein wie auch immer gearteter Monismus zu vertreten sei, versucht Laszlo folgendermaßen zu beantworten:


Sowohl Materie als auch Geist und Bewußtsein sind real, doch sie sind keine fundamentalen Größen. Sie haben sich aus einer noch grundlegenderen Ebene der Realität heraus entwickelt”18


Inwiefern eine solche Konzeption, die Laszlo vorsichtig als Evolutionismus bezeichnet, schon als eine wirklich schlüssige Lösung der Dualismus-Frage betrachtet werden kann, sei dahingestellt. Sie darf aber mit Sicherheit als ein interessanter Denkanstoß in Richtung einer, heute ja immer öfter geforderten, ganzheitlichen Weltanschauung betrachtet werden.


Auf ein weiteres Buch sei hier noch verwiesen, dass in gewisser Hinsicht vielleicht sogar noch deutlicher einen Versuch unternimmt eine Synthese oder sogar die Nichttrennbarkeit wissenschaftlicher und religiöser Anschauungen darzulegen, wenn es auch weniger konkrete Postulate aufstellt als die stellvertretend genannten Theorien von Sheldrake und Laszlo. Es ist dies das Buch “Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein”19 des Quantenoptikers Arthur Zajonc. In diesem, in aller Wissenschaftlichkeit äußerst poetischen Buch geht es Zajonc darum zu zeigen, inwiefern die Vorstellung die wir uns von etwas so Fundamentalem wie dem Licht bilden eine elementare Aussage über uns selbst und unsere Kultur darstellt. Unter dem folgendermaßen formulierten Leitgedanken “Zwei Lichter erhellen unsere Welt. Das eine liefert die Sonne, und das andere antwortet ihm. Nur dank ihrer Verschwisterung sehen wir; fehlt eins sind wir blind” legt Zajonc dar, wie die alten religiösen Vorstellungen über die Natur des Lichts, im Laufe der Entwicklung der Menschheit spätestes ab Newton endgültig von einer mechanistischen Vorstellung verdrängt zu sein schienen, wie jedoch die modernen Entdeckungen über die Natur des Lichts, dieses in einem so faszinierend unmateriellen Licht erscheine lassen, dass seine, von alten Kulturen empfundene Qualität als Ausdruck eines göttlichen Prinzips in keiner Weise mehr unvereinbar mit eben diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen erscheint.

Und eben dieser Aspekt der Vereinbarkeit, ja nicht nur Vereinbarkeit, sondern auch Überschneidung wissenschaftlicher und religiös esoterischer Aspekte ist hier unter methodischen Gesichtspunkten interessant, insofern als eine Auflistung von Werken in denen Wege oder Ansätze zu einer neuen Ganzheitlichkeit sich finden, alleine natürlich rein gar nichts beweisen könnten; die Tatsache jedoch dass derartige Werke existieren und ihr Inhalt offensichtlich in keinerlei Widerspruch zu den etablierten Erkenntnissen der Naturwisschenschaft steht, ja diese eventuell sogar um dringend benötige Theorien zur Lösung grundlegender Probleme erweiteren (wie z.b. bei Sheldrake und Laszlo) könnte das Entscheidende Kriterium für eine Wissenschaft der Zukunft sein, die nicht mehr auf eine strikte Trennung von Naturwissenschaft und Religion bestehen muss. Selbstverständlich gibt es bezüglich eines solchen Unterfangens kritische Stimmen zuhauf, (wobei für viele sicherlich dasjenige zutrifft was ich unter dem Verweis auf Wittgenstein als die Übernahme des dogmatischen Prinzips der Religion auf die Naturwisschenschaft beschrieben habe), allerdings scheint es eben auch noch niemand gelungen zu sein, endgültige, oder vielleicht auch nur in hohem Maße plausible Gegenbeweise, seien sie experimenteller oder gedanklicher Natur, bezüglich der beschriebenen ganzheitlichen Theorien und Anschauungen aufzuführen.



Schlußbetrachung:


Eine Frage mag als Abschluß dieser Arbeit betrachtet werden, insbesondere auch als sie sich als Frage im Laufe des Seminars in dessen Kontext diese Arbeit geschrieben wurde, stellte: Ist ein solcher Ansatz, eine religiöse Qualität über die vertiefte Betrachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erreichen, dazu verdammt eine reine Virtuosenreligion zu bleiben, also eine Religion die nur von einigen wenigen nachvollzogen werden kann? Diese Frage scheint tatsächlich schwer zu beantworten, und man könnte dem Akademiker (bzw. dem Studenten als angehenden Akademiker) die Kompetenz diese Frage zu beantworten auf zweierlei Weise absprechen; zum einen insofern als seine notwendigerweise zumindest bis zu einem gewissen Grade vorhandene wissenschaftliche und naturwissenschaftliche Bildung eine unvoreingenommen Beantwortung dieser Frage zumindest sehr erschweren könnte, zum anderen da sich natürlich die Frage stellt inwieweit er im Vergleich zu einem tatsächlichen natur- oder geisteswissenschaftlichen Virtuosen den nötigen Einblick in ein spezielles Fachgebiet haben kann um eine sinnvolle Beurteilungsgrundlage für den Gehalt spezifischer naturwissenschaftlicher Probleme zu besitzen.

Ich würde dennoch behaupten wollen dass die elementaren Fragen deren (neu)wissenschaftliche Erforschung ich in dieser Arbeit anhand von ausgewählten Beispielen versucht habe zu verdeutlichen, sowohl für den gänzlich ungebildeten Menschen als auch für den akademisch oder anderweitig Gebildeten in ihrer Rätselhaftigkeit zumindest einsichtig sein könnten.

Bekanntlich haben ja Platon und Aristoteles das Staunen als eine elementare Vorbedingung für das Treiben von Philsophie betrachtet, und somit mag die Hoffnung bestehen dass eine nicht nur mechanisch analytische sondern staunend erkennende Betrachtung scheinbar selbstverständlicher Dinge wie eines lebendigen Organismus oder des Lichts, zu einem ahnenden Gefühl für die Unzulänglichkeit einer rein mechanistischen und damit notwendigerweise immer auch atheistischen (oder zumindest deistischen) Weltanschauung führen könnte.

1Karl Joel “Der Glaube des Atheisten” in Religionsphilosophie der Neuzeit, Darmstadt: Wiss.Buchges., 1999, S.99.

2Joel S.98.

3Joel S.99.

4Joel S.87.

5Joel S.98.

6Joel S.100.

7Joel S.100.

8Carl-Friedrich Geyer “Anmerkungen zum Status und zur Funktion der Religion im Horizont neuzeitlicher diskursiver Verständigungsprozesse” in “Religionsphilosophie der Neuzeit, Darmstadt: Wiss.Buchges., 1999, S.99.

9 Geyer S.1.

10 Geyer S.2.

11 Geyer S.25

12 Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen (I), München 1956, S.11.

13 Stempeln mit Molekülen in Der Spiegel, Nr. 2/5.1.04, S.123

14 Thomas Mann, Der Zauberberg. Stockholmer Ausgabe. Frankfurt 1981, S.378

15 Rupert Sheldrake, Das schöpferische Universum (Die Theorie des morphogenetischen Feldes), Uhlstein, München, 2002.

16 Ervin Laszlo, Das fünfte Feld (Materie, Geist und Leben – Vision der neuen Wissenschaften), Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach, 2002.

17 Russel Targ/Harold Puthoff, “Information transmission under conditions of sensory shielding”, in: Nature, Vol. 251, 1974.

18 Laszlo S.259.

19Arthur Zajonc, Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein, Rowohlt, Hamburg 1994.