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Interpretation und Vergleich der Gedichte
,,Wünsche III'' von Rose Ausländer und
,,Bitte'' von Hilde Domin

Yven Johannes Leist

April 1999

1.2

Thema: Rose Ausländer (1901-1988): Wünsche III
  Hilde Domin (geb. 1912): Bitte
Arbeitsanweisung: Interpretieren und vergleichen Sie die beiden Gedichte.



Sowohl in dem Gedicht ``Wünsche III'' von Rose Ausländer als auch in dem Gedicht ``Bitte'' von Hilde Domin werden menschliche Elementarsituationen thematisiert.
In beiden Gedichten wird ein Versuch angesprochen, den Problemen des Menschseins zu entgehen: Bei Rose Ausländer ist es der Wunsch völlig in der Natur aufzugehen, bei Hilde Domin der Wunsch in einer ewigen Frühlingslandschaft zu leben.
In beiden Gedichten der deutschsprachigen jüdischen Lyrikerinnenn wird jedoch deutlich, dass eine solche Wunschhaltung als nicht ``tauglich'' (Hilde Domin) oder nur träumerisch (Rose Ausländer) anzusehen ist. Der Titel des vierstrophigen reimlosen Gedichts ``Bitte'' von Hilde Domin nimmt auch in dem Gedicht selbst eine wichtige Stellung ein: Nachdem in der ersten Strophe der Zustand des lyrischen Ich beschrieben wird und in der zweiten Strophe die Möglichkeit dieser Situation durch Wünsche zu entfliehen negiert wird, taucht zu Beginn der dritten Strophe, gleichsam als Preipetie des Gedichts, das Wort ``Bitte'' wieder auf. Anhand des Begriffs der Bitte zeigt das lyrische Ich im Folgenden auch einen Weg zur Bewältigung der eingangs beschriebenen Situation auf.
Bei der Betrachtung des Gedichtaufbaus fällt auf, dass die erste Strophe im Gegensatz zu den Folgenden nur aus vier anstatt aus aus sechs Zeilen besteht. Dies läßt sich mit der Funktion der ersten Strophe im Gedichtzusammenhang erklären:
Sie stellt als reine Tatsachenbeschreibung gewissermaßen das Fundament dar, auf dem die folgenden Strophen aufbauen.
Das Gedicht beginnt mit dem Personalpronomen ``wir'' in der ersten Person Plural. Das lyrische Ich macht hiermit sofort deutlich, dass sich das Gedicht auch auf den Leser, vielleicht sogar auf die gesamte Menschheit bezieht.
Das lyrische ich beschreibt nun, was mit ``uns'' geschieht. Das verwendete Passiv macht deutlich, dass es sich bei dem Eintauchen nicht um etwas Freiwilliges, Selbstgewähltes handelt, sonderm um einen bedrängenden leidvollen Vorgang. Das Passiv ist hier eine wirkliche ``Leideform''! Der Vorgang des Eintauchens erinnert auch an die jüdische Immersionstaufe, bei der der Mensch durch das Eintauchen in das Wasser bis an die Schwelle des Todes gebracht wird und dadurch eien Läuterung erfährt. Auch die Tatsache, dass ``wir'' mit dem ``Wasser der Sintflut'' (Z.2) gewaschen werden, ist von hoher symbolischer Bedeutung, Denn die Sintflut war eine von den Menschen selbstverschuldete Katastrophe und somit sind ``wir'' zumindest indirekt für die Situation in der ``wir'' uns befinden mitverantwortlich. Das in Zeile drei bis vier folgende Bild der ``Durchnässung bis auf die Herzhaut'' ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen ist dieses Durchnässtsein ungeheuer stark, denn normalerweise spricht man ja nur von ``bis auf die Haut durchnässt sein'', und nicht bis auf die Herzhaut; zum anderen macht die Nässe jedoch vor dem Innersten des Menschen dem Herz, selbst Halt und ermöglicht somit durch die Bewahrung dieses Innersten die Möglichkeit eines Neubeginns.
Der Zustand des Durchnässtseins wird in der ersten Strophe noch lautmalerisch durch die Häufung von Zischlauten verstärkt. (``Wasser'', ``gewaschen'' Z.2, ``durchnässt'' Z.3, ``bis'', ``Herzhaut'' Z.4.)
In der zweiten Strophe beschreibt das lyrische Ich die Unmöglichkeit der, in der ersten Strophe beschriebenen Situation durch Wünsche zu entfliehen.
Der Wunsch nach einem Leben in einer schönen Landschaft hinter der ``Tränengrenze'' (Z.6) ``taugt nicht'' (Z.7). Auch der Wunsch ``den Blütenfrühling zu halten'' (Z.8) taugt nicht. In diesem Wunsch spiegelt sich nämlich die Sehnsucht des Menschen nach einer ewigen Jugend, einem ewigen Frühling wider. Ein solcher Zustand ist jedoch ``nicht tauglich'', da in ihm keine Entwicklung stattfinden würde, der Mensch ewig jung bliebe und so auch nicht ``reifen'' könnte.
Auch in dem Wunsch ``verschont zu bleiben'' (Z.9) kommt die Angst des Menschen vor Konflikten und Auseinandersetzungen zum Ausdruck. Gerade derartige Hindernisse erlauben dem Menschen aber erst eine Weiterentwicklung, indem er durch ihre Überwindung an Stärke gewinnt.
Die Aussage der zweiten Strophe wird durch das zweimalige ``taugt nicht'' verstärkt. Auch die Tatsache, dass vor dem zweiten ``taugt nicht'' zwei Wünsche stehen noch dazu in völlig parallel gebauten Sätzen, erzeugt eine Spannung und macht letzlich die Nutzlosigkeit der beschriebenen Wünsche deutlich.
In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich nun was ``taugt'': Es ist die Bitte. Das Bild der Taube,die bei Sonnenaufgang den Zweig vom Ölbaum bringt (Z.12-13), bezieht sich wieder auf das Bild der Sintflut in der ersten Strophe. Die Taufe mit ihrem Ölbaumzweig ist in der biblischen Geschichte der Arche Noah das Zeichen dafür, dass es wieder Land gibt, das nicht mehr von den Wassern der Sintflut bedeckt ist, also ein Zeichen der Hoffnung.
Die Bitte ``dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei'' (Z.14), bezieht sich wieder auf das Bild des Blütenfrühling in der zweiten Strophe. Ist die Frucht so bunt wie die Blüte, bedeutet dies eine positive Steigerung und Weiterentwicklung gegenüber dem Blütenfrühling: Der Mensch ist einerseits gereift, wie das Bild der Frucht zum Ausdruck bringt, er hat jedoch auch seine Farbigkeit, seine Jugendlickeit bewahren können. Bilden auch noch ``die Blätter der Rose am Boden, eine leuchtende Krone'' (Z.15-16), so ist dies ein Bild dafür, dass auch im Alter wenn die ``Blätter der Jugend'' gänzlich abgefallen sind, noch eine Gestaltungskraft vorhanden ist. Der Lebensabend würde darum gewissermaßen die ``Krönung'' des Lebens darstellen.
In der vierten Strophe wird der Inhalt der Bitte fortgeführt. Das Bild der Flut wird um die Bilder der Löwengrube und des feurigen Ofens erweitert, beides Motive aus dem Alten Testament,die höchtste Gefahr und Bedrohung, aber letztlich auch Rettung aus diesen Situationen symbolisieren.
Der scheinbare Gegensatz in der Bitte ``immer versehrter und immer heiler (....) entlassen [zu] werden'' (Z.19-22), läßt sich auflösen, da eine Heilung nur nach einer vorausgegangenen Verletzung erfolgen kann. Die Wendung ``zu uns selbst entlassen werden'' (Z.21-22) macht deutlich, worin für das lyrische Ich der wichtigste Inhalt der Bitte besteht: In einer Selbstfindung des Individuums, die dadurch ermöglicht wird, dass der Mensch sein Herz, sein Innerstes bewahrt.

Das fünfstrophige, reimlose Gedicht ``Wünsche III'' weist im Gegensatz zu Hilde Domins Gedicht keinerlei Interpunktion auf, was auch die im Vergleich schwächere gedankliche Strukturierung deutlich macht.
Ebenfalls im Gegensatz zu Hilde Domins Gedicht beginnt das Gedicht ``Wünsche III'' nicht mit einer Beschreibung der Situation in der sich das lyrische Ich befindet.
Das lyrische Ich beginnt unmittelbar mit der Beschreibung seiner Wünsche.
Jede der ersten drei Strophen ist ein Gegenstand zugeordnet, den das lyrische Ich verkörpern möchte. Die Zeilenlänge der einzelnen Strophen passt sich gewissermaßen dem beschriebenen Gegenstand an: Die dritte Strophe, die mit dem Berg den größten der drei Gegenstände beschreibt, umfasst auch die meisten Zeilen, während die, den kleinsten Gegenstand beschreibende, zweite Strophe auch am wenigsten Zeilen umfasst. Die erste Strophe über den Magnolienbauem nimmt entsprechend eine Mittelstellung ein.
Der Wunsch, ein Baum mit ``herrlichen Blüten'' (Z.3), zu sein, erinnert stark an den Wunsch nach dem ewigen Blütenfrühling in Hilde Domins Gedicht.
Der Wunsch, einen Baum mit herrlichen Blüten zu verkörpern, läßt sich mit der Dichterin selbst in Verbindung bringen, wenn man diese, wie es in dem vorliegenden Gedicht angemessen erscheint, mit dem lyrischen Ich gleichsetzt. Dennn wie der Baum dem Menschen seine Blüten präsentiert, so präsentiert die Dichterin den Menschen ihre Gedichte. Auch das Bild der Nachtigall läßt sich auf diese Weise deuten: wie die Nachtigall die Menschen mit ihrem Gesang beglückt, möchte die Lyrikerin die Menschen mit ihren Gedichten bereichern.
In der dritten Strophe wird durch das zum Komparativ gesteigerte Adjektiv, verbunden mit dem verstärkenden ``noch'', deutlich, dass der Wunsch des lyrischen Ich, ein Berg zu sein, noch stärker ist als die vorhergehenden Wünsche, Mit diesem ``Bergsein'' besäße das lyrische Ich eine ``endlose Gipfelschau'' (Z.9) und ein ``Jahrtausendleben'' (Z.10), jedoch würde es so auch in stärkerem Maße die Qualität des Lebendigen verlieren, was bis zu einem gewissen Grade auch eine Flucht vor den Problemen und Herausforderungen des Menschseins bedeutete. In der vierten Strophe folgt auf diesen letzten, stärksten Wunsch jedoch die Ernüchterung. Das lyrische Ich entlarvt die vorhergehenden Wünsche als Traumbilder und negiert sie daraufhin (``kein Magnolienbaum (...) möchte ich sein'' Z.12-14)
In der letzten Strophe beschreibt das lyrische Ich nun was es wirklich sein will. Es betont sein Menschsein (``Ich will weiterhin ich sein / ein paar Menschen lieben'' Z.15-16) und wünscht sich auch als Mensch eine gewisse Einbettung in die Welt (``Weltspur folgen'' Z.17). Abschließend spricht das lyrische Ich über die Sprache, die es eben nur durch sein Menschsein besitzt. Die Worte verkörpern für das lyrische Ich offensichtlich etwas ungeheuer Wichtiges. Es hofft mit einigen von ihnen auch nach seinem Tode weiterleben zu können (``meinen Tod überleben'' Z.20) also durch eine spezifisch menschliche Gabe, die Sprache, doch eine gewisse Unsterblichkeit, ein ``Jahrtausendleben'' wie der Berg zu erlangen.

Beim Vergleich der beiden Gedichte läßt sich zunächst auf formaler Ebene eine Gemeinsamkeit feststellen: In beiden findet sich ein virtuoser Umgang mit der Sprache, sichtbar z.B. in Wortschöpfungen wie Herzhaut, Tränengrenze (Domin) oder Jahrtausendleben, Weltspuren und Sprachgeist (Ausländer).
Die Zusammengehörigkeit von Wortfeldern wird oft durch Alliterationen unterstützt (z.B. möchte (..) Magnolienbaum'' Z.1, ``rein(...) Regen'' Z.8, oder die fünfmalige G-Alliteration bei Hilde Domin: Z.14-16).
Große Unterschiede zwischen den beiden Gedichten werden bei der Betrachtung der Position und der Sprechweise des lyrischen Ich deutlich. Das lyrische Ich in Rose Ausländers Gedicht ist allein, es gbi keinen Ansprechpartner. Die Lyrikerin beschreibt ein persönliches Erlebnis, das wohl den meisten Menschen vertraut sein dürfte: Die Flucht in Wunschwelten, in denen man sich geborgen und sicher fühlt und der Realität und ihren Problemen entflieht. Das Gedicht Wünsche III enthält aber eine klare Botschaft, die sich trotz, oder vielleicht gerade aufgrund des monologischen Gedichtcharakters erschließt: Sich selbst in seinem Menschsein anzunehmen, was zumindest in der Hoffnung der Dichterin ein Weiterleben durch bzw. mit Hilfe der Sprache ermöglicht. Hier zeigt sich auch ein klar biographisches Element von Rose Ausländers Gedicht. Denn besonders in der unvorstellbar schweren Zeit in der sich Rose Ausländer im Ghetto von Czernowitz befand, war Sprache für sie ``Leben und Überleben''
In Hilde Domins Gedicht ``Bitte'' scheint ebenfalls der biographische Hintergrund der Lyrikerin durch. In dem Bild der Löwengrube und des feurigen Ofens werden neben der biblischen Thematik auch Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus, sichtbar.
Die Tatsache, dass Hilde Domin von diesen Ereignissen jedoch nicht derartig direkt betroffen war wie Rose Ausländer, zeigt sich an der Haltung des lyrischen Ich, das in dem Gedicht nur indirekt als Sprecher auftritt und wohl, wie bei Rose Ausländers Gedicht mit der Dichterin Hilde Domin gleichzusetzen ist. Das lyrische Ich hat einen größeren Abstand zu den Dingen, die es beschreibt, trotz des deutlich spürbaren inneren Engagements. So hat es auch die Möglichkeit zunächst eine Zustandsbeschreibung zu geben, an die sich nicht mehr die Wünsche an sich anschließen, sondern sofort deren Negation. Auf diese Negation folgt die klare Beschreibung eines Weges, der zu einer immer von neuem gewährten Selbstfindung des Individuums führen kann.
Beiden Gedichten eigen ist somit eine große Aktualität. Denn sowohl die Flucht in eine Wunschwelt, die Rose Ausländer beschreibt, als auch die elementaren Gewalten, die in Hilde Domins Gedicht beschrieben werden, sind Gefahren, die uns modernen Menschen tagtäglich begegnen, man denke nur an die immer stärker werdende Drogenproblematik oder die Ergeignisse auf dem Kosovo. Somit sind tatsächlich wir selbst in dem ``wir'' aus Hilde Domins Gedicht angesprochen, und jeder Mensch muss sich zumindest bis zu einem gewissen Grade in dem Vorgang den das ``ich'' in Rose Ausländers Gedicht beschreibt wiedererkennen.




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Yven Johannes Leist 2001-06-24