Universität Stuttgart

Institut für Philosophie

Abteilung für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie

Seminar: Philosophische Probleme der Computerwissenschaft

Dozenten: Wiegerling/Simoneit

Sommersemester 2004


Das Leib-Seele Problem und die Frage nach der künstlichen Intelligenz




Yven Johannes Leist

Schwabstr. 78

70193 Stuttgart Telefon: 0711/6209170

E-Mail: leist@beldesign.de

Fächer : Engl./Phil.

Semester: 5/4





Inhaltsverzeichnis:

Einleitung.......................................................................................1

Das Leib-Seele Problem....................................................................1

   Der Reduktionismus in der Leib-Seele Debatte..................................2

   Die Frage nach der Emergenz.........................................................7

   Searle und die Nichtformalisierbarkeit des begrifflichen Denkens.........9

   Epiphänomenalistischer Dualismus?...............................................12

   Der objektive Idealismus..............................................................14

Anwendung der ausgeführten Überlegungen auf die KI-Debatte............17
















Einleitung:

Die Frage nach der Übertragungsmöglichkeit von zunächst als rein menschlich erlebten Eigenschaften wie Intelligenz, Bewusstsein oder sogar Selbstbewusstsein auf rein physikalische Strukturen, wie z.B. Computer, berührt zweifelsohne die elementarsten Fragen unseres Daseins, denn in der Frage was denn bei einer solchen Übertragung tatsächlich übertragen wird bzw. welche Eigenschaften überhaupt übertragbar sind, ist zugleich auch die Frage nach dem Ursprung und dem Wesen dieser Eigenschaften bezüglich des Menschen enthalten. Um überhaupt Ansätze für die Beantwortung einer solch elementaren Frage zu gewinnen, scheint es also höchst sinnvoll, ja gewissermaßen notwendig diese Frage zunächst unter der menschlichen, d.h. zuallerst erkenntnistheoretischen Perspektive zu betrachten, und erst im zweiten Schritt eine Übertragung dieser Überlegungen auf die eigentliche KI-Diskussion vorzunehmen. Um es  anders auszudrücken möchte ich also der schon im Titel der Arbeit angedeuteten Reihenfolge treu bleiben, und mich zunächst dem Leib-Seele Problem und erst im Anschluss daran der Frage nach der künstlichen Intelligenz widmen.

Das Leib-Seele Problem:

Die Frage nach dem Verhältnis der eigenen Innenwelt (zu der zunächst ja alle dem eigenen Erleben gegebene Tatsachen gehören, die sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt eingeschlossen), zu demjenigen was durch die Sinneswahrnehmung als Außenwelt, d.h als nicht unmittelbar der eigenen Innenwelt zugehörig erkannt wird, ist seit jeher einer der Grundfragen der Philosophie, wobei sich die Frage in Form des Leib-Seele Problems noch über das Verhältnis von Individualität und (Außen)Welt hinausgehend erweitert, da  der eigene Leib sowohl als der Außenwelt zugehörig (und dadurch körperhaft werdend) als auch mit der eigenen Innenwelt verbunden (und eben dadurch elementar leibhaft im Sinne des nicht Ablegbaren werdend) erlebt wird, und sich somit die Frage nach der Bedeutung dieses Leibes für das Zustandekommen der individuell erlebten Innenwelt als auch der Verbindung derselben zur Außenwelt stellt. Eben diesem Leib-Seele Problem ist in den letzten Jahren durch die Fortschritte im Bereich der Neurowissenschaften verstärkte Aufmerksamkeit zugekommen, wobei oft schon von Neurowissenschaftlern die Überzeugung geäußert wird, eine Lösung des Problems zeichne sich vorbehalts der Klärung von Detailfragen schon ab1. Dieser Optimismus geht so gut wie immer einher mit einer leidenschaftlichen Abkehr von dualistischen Positionen, die in der Nachfolge Descartes die beiden Seinsbereiche der Innen- und Außenwelt als fundamental verschieden, jedoch auf geheimnisvolle Art und Weise interagierend ansahen.  So findet sich zum Beispiel in der Einleitung von Gerhard Helm "Symbolische und konnektionistische Modelle der menschlichen Informationsverarbeitung"2, anschließend an die Schilderung der cartesischen Position und ihrer Lösungsversuche der Satz: "Es gibt heute in der Philosophie wohl kaum noch jemanden, der einen derartigen ontologischen Dualismus im Sinne zweier voneinander unabhängiger Substanzen vertritt."3 Wie auch Helm jedoch weiter ausführt besteht das eigentliche Problem, also die Frage nach dem Zustandekommen der Innenwelt als auch der Frage ob, und wenn ja, wie mentale Zustände leibliche Vorgänge beeinflussen können, natürlich weiterhin.  

Aus diesem Grunde soll im folgenden Abschnitt zunächst der Versuch unternommen werden die wichtigsten Positionen bezüglich dieser Frage einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, in der Hoffnung die gemachten Erörterungen im Schlussteil dieser Arbeit erkenntnisleitend auf die Frage nach der Künstlichen Intelligenz beziehen zu können.

Der Reduktionismus in der Leib-Seele Debatte

Wie schon oben erwähnt, gehen die Mehrzahl der an der Leib-Seele Debatte Beteiligten davon aus, dass dualistische Positionen kaum noch ernsthaft vertreten werden könnten. (Wobei idealistisch orientierte Positionen selbstverständlich nicht einmal mehr als theoretische Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dazu später mehr.) Hierfür ließen sich neben dem eingangs erwähnten Gerhard Helm leicht unzählige weitere Beispiele anführen, exemplarisch könnte man z.B. aufgrund ihrer momentanen Bekanntheit auf Gerhardt Roth, Wolf Singer oder Thomas Metzinger verweisen, aber selbst Searle und die sich an ihn anschließende Richtung des Emergentismus vertritt, wie später noch eingehender betrachtet werden soll, der Schlussfolgerung nach einen rein materialistisch-monistischen Biologismus, was durchaus bemerkenswert ist, hält man sich vor Augen, dass gerade diese Richtung, (neben dem durch quantentheoretische Überlegungen stark erweiterten Physikalismus von Penrose), eigentlich dem Versuch objektivem Geist eine tatsächliche Realität zuzugestehen noch am Nächsten kommt. Dem genaueren Eingehen auf die stichwortartig erwähnten Richtungen vorgreifend, darf also konstatiert werden, dass stillschweigende Übereinkunft zu herrschen scheint dass jede ernstzunehmende Position letztlich vom Primat des Materiellen ausgehen müsse, sprich die Unterschiede zwischen den einzelnen Richtungen nur noch darin zu suchen seien wie das Entstehen von geistigen Prozessen aus der rein materiell vorgestellten Welt zu denken sei. Hierzu lässt sich zunächst zweierlei sagen:

Zum einen muss die einer derart konsequent materialistischen Haltung zugrundeliegende Erkenntnistheorie letztlich immer auf tönernen Füßen stehen, denn sie ist fundamental auf einen "Kopfsprung aus der Naturwissenschaft in spekulative Metaphysik"4 angewiesen (um die treffend gewählten Worte des Kieler Philosophen Hermann Schmitz zu gebrauchen), da die Wirkung des innerlich Erlebten in einen Bereich verschoben wird, der für immer unerreichbar hinter dem tatsächlich Erlebten liegt, und der durchaus erstaunliche bis unglaubliche Wirkungen haben muss, so z.B. wenn Gerhardt Roth von einem "wirklichen Gehirn"5 spricht, dass die bewussten Wahrnehmungen erst erzeugen soll, das jedoch als solches nie beobachtbar sein kann.

Zum anderen erinnern gerade die Vorstellungen bezüglich der kausalen Abgeschlossenheit der physikalisch-materiellen Welt (die meist als Grund für die Ablehnung dualistischer Konzeptionen angeführt wird, siehe. z.B. Helm S. 5-7) sowie die naiv realistische Vorstellungen einer materiellen Welt angefüllt mit Atomen und Molekülen aus denen sich alle Körper zusammensetzen sollen, seltsam an längst überwunden geglaubte Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, die angesichts der Erkenntnisse der Quantenmechanik, sowohl hinsichtlich der kausalen Abgeschlossenheit als auch hinsichtlich der naiv-realistischen Vorstellung materieller Bausteine als überholt und regelrecht irreführend betrachtet werden muss.

Dass die Erkenntnisse der neueren Physik und ihre Implikationen so wenig Eingang in das Bewusstsein heutiger Wissenschaftler gefunden haben, ist tatsächlich äußerst bedauernswert, da gerade diese Erkenntnisse zumindest zu einer erheblichen Relativierung  des naiven Glaubens in die Möglichkeit eines physikalischen Reduktionismus in allen auf der Physik aufbauenden Wissenschaftszweigen, insbesondere der Biologie (und damit verbunden der Neurophysiologie) führen könnte. Dies sei nur an einem Beispiel kurz erläutert: Die Selbständigkeit und Nichtherleitbarkeit makroskopischer Formen ist eine der elementaren Erkenntnisse der Quantenmechanik. Selbst Einstein, der sich ja eigentlich mit der Quantenmechanik nie wirklich abfinden konnte (obwohl er ihre formale Richtigkeit anerkennen musste), hat fortwährend darauf verwiesen, dass es unmöglich ist, makroskopische Gegenstände mit einer quantenmechanischen Wellenfunktion zu beschreiben. Heisenberg selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, das die Form eines konkreten Kristalls, der etwa in einer übersättigten Flüssigkeit entsteht, nicht quantenmechanisch ableitbar ist.6

Wenn nun schon die Formung eines Kristalls nicht vollständig aus der Physik ableitbar ist, so muss dieses Problem in der Biologie natürlich erst recht zum Vorschein kommen, denn dort hat man es ja mit der Erzeugung makroskopischer Formen (wie z.B. Knochen) zu tun, die aus einem Anfangsstadium erzeugt werden, das mit der endgültigen Form, (bezogen auf die ursprünglich gegebene äußere Form) nicht das geringste zu tun hat. Man denke z.B. an die Entstehung eines Baumes aus einem Samen, oder, um zahllose Faktoren verkompliziert, die Entstehung eines Menschen aus einer befruchteten Eizelle. Dieses Problem der Entstehung einer makroskopischen Form wird von den heutigen Vertretern der reduktionistischen Molekularbiologie meist nicht einmal thematisiert. (Ernst Peter Fischer hat diesen Sachverhalt in einer Rezension des Buches ""Das Werden des Lebens - Wie Gene die Entwicklung steuern" von Christiane Nüßlein Vollhard klar zum Ausdruck gebracht, wenn er schreibt: "Was Frau Nüsslein-Vollhard, 61, unternimmt, könnte man eine Kausalanalyse der Formbildung nennen, und die eigentliche Enttäuschung steckt darin, dass sie gar nicht zu merken scheint, dass dieser Ansatz allein nicht ausreicht. Wer etwa ein Bild beschreiben will, kann viel vom Material der Leinwand erzählen, von der Muskelkraft des Malers und der Chemie der Farben. Dabei wird man alles Mögliche verstehen, nur nicht das Gemälde selbst. Tatsächlich verschwendet die Autorin keinen Gedanken an Formfaktoren; das Werden des Lebens bleibt nach der Lektüre ihres Buchs so geheimnisvoll wie am ersten Tag."7)

Man sieht hier eine Tendenz, die uns bei den Neurowissenschaften (bzw. dem Großteil ihrer Vertreter) noch begegnen wird: Die eigentlichen Probleme werden nicht einmal wirklich erkannt, stattdessen werden die fundamentalen Fragen in einen begrifflichen Nebel gehüllt, der versteckt, dass eine unvorstellbare Menge an Detailbefunden nicht automatisch zu einer Problemlösung, geschweige denn zu philosophischer Klarheit führt.

(Meines Wissen ist übrigens der von den offiziellen  Vertretern der Wissenschaft meist so geringgeschätze Rupert Sheldrake , der einzige heutige Wissenschaftler der sich ernsthaft  mit dem Problem der Formentstehung auseinandergesetzt 8 , und eine durchaus plausible Hypothese zu seiner Lösung vorgeschlagen hat. An der Tatsache dass  John Maddox , der Editor von Nature (dem wichtigsten(!) naturwissenschaftlichen Veröffentlichungsorgan ) an Stelle eines sachlichen Eingehens auf die von Sheldrake thematisierten Probleme das Buch als " This infuriating tract . . . is the best candidate for burning there has been for many years. " bezeichnete, lässt sich meines Erachtens einiges über die nahezu-durchgehend anzutreffende, stumpf-materialistische Dogmatik der heutigen Naturwissenschaft ablesen.)

Neben dem Problem naiv-reduktionistischer Grundannahmen, (die dann meist mit einer Verschleierung grundlegender Probleme einhergehen) innerhalb einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin wie z.B. der Biologie, entsteht ein weiteres Problem durch die Tatsache, dass auf dieser Wissenschaftsdisziplin aufbauende Disziplinen, wie z.B. die Neurobiologie  durch die unhinterfragte Übernahme dieser naiv-reduktionistischen Grundannahmen die Verwirrung noch vergrößern, z.B. durch die absurde Vorstellung die Frage nach der Entstehung von Intelligenz ließe sich zumindest teilweise durch den Rückgriff auf genetische Vorstellungen lösen. Man fühlt sich gedrängt zu fragen: Wie sollen denn diese "Gene" Intelligenz erzeugen, wenn sie für sich genommen noch nicht mal für die Erklärung der Entstehung einer makroskopischen Form herangezogen werden können? (Im übrigen ist der Begriff des Gens im Sinne einer durch die Abfolge von Aminosäuren codierten Information, für eine tatsächliche Wirkung gänzlich unzureichend.  Von den Bits auf einer Festplatte würde auch kein Mensch annehmen, dass sie ursächlich für die Steuerung eines Computers verantwortlich seien, nur weil empirische Beobachtungen zeigen dass sich das Verhalten des Computers tatsächlich ändert wenn man einzelne durch reines Ausprobieren gefundene Bits ändert.) Diese Kritik im Einzelnen weiter auszuführen würde selbstverständlich den Rahmen als auch die eigentliche Thematik dieser Arbeit übersteigen und muss weiteren Arbeiten vorbehalten bleiben.

Wenn also z.B. Helm mit Verweis auf die angenommene Geschlossenheit der physikalischen Welt schreibt: "Konsequenterweise besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass die Prämisse, dass mentale Zustände keine physikalischen Zustände seien, aufgegeben werden muss"9, so scheint er sich der damit verbundenen Probleme nicht in ausreichendem Maße bewusst zu sein, denn die prinzipielle Erklärungslücke die zwischen dem Begriffssystem der Physik und dem der gedanklichen Welt des  Bewusstseins klafft, bleibt dabei gänzlich unberücksichtigt,  Neben den allzu euphorischen Stimmen gibt es aber, man möchte fast sagen glücklicherweise auch realistischere Einschätzungen, wie z.B. von R. Damasio, der in der "Zeit" vom 5. Oktober 2000 auf die Frage: "Glauben Sie, Bewußtsein wird sich eines Tages endgültig erklären lassen" antwortet: "...obwohl wir Neurowissenschaftler das gerne vergessen, stehen wir vor einer zentralen Erklärungslücke: Wie entsteht aus aus einem neuronalen Muster ein Gedanke? Auf den prinzipiellen Charakter dieser Erklärungslücke verweist auch C.F. Von Weizsäcker in seiner "Geschichte der Natur" wenn er schreibt:  "Man kann von der Physik keine Antworten erwarten, wo man nicht einmal die Fragen mit den Begriffen der Physik formulieren kann. Die subjektive Seite des Lebens, Seele, Empfindung, Bewußtsein, nimmt der Physiker mit seinen Mitteln nicht wahr; er kann deshalb auch nicht hoffen, sie mit seinen Begriffen zu erklären. Aus keinem Begriffssystem kann man Sätze ableiten in denen Begriffe vorkommen, die innerhalb des Systems nicht definiert sind."10

Auch wenn dieser Einwand zweifelsohne fundamentaler Art ist, scheint es doch angebracht zunächst näher zu untersuchen, wie, d.h. kraft welcher Theorien der physikalische Monismus versucht diesen Graben zu überbrücken. Diese Frage führt direkt zum Konzept der Emergenz (von lat.: emergere = auftauchen, hervorkommen), also der Entstehung  neuer Strukturen oder Eigenschaften aus dem Zusammenwirken einzelner Elemente in einem komplexen System. Da das Konzept der Emergenz für die physikalisch-monistischen Theorien von fundamentaler Bedeutung ist,möchte ich ihm zunächst einen eigenständigen Abschnitt widmen.

Die Frage nach der Emergenz

Im allgemeinen werden Eigenschaften eines Systems als emergent bezeichnet, wenn sie sich aus den einzelnen "Teilen" nicht direkt herleiten lassen, d.h. nur aus dem prozesshaften Zusammenwirken der Teile heraus erklärbar sind. Von besonderer Bedeutung ist desweiteren auch die Frage ob und wenn ja, inwiefern die emergenten Eigenschaften auf die einzelnen Bestandteile des "Systems" zurückwirken.

Man hofft also, dass durch das Zusammenwirken der an einem komplexen System beteiligten Einzelteile (dieser Begriff müsste eigentlich eigens problematisiert werden, da die Quantenmechanik eine derartige reduktionistische Vorstellung strenggenommen ausschließt) etwas fundamental Neues entsteht; bezüglich des Menschen und seines Gehirns, also z.B. bewusstes Denken und Fühlen durch die Interaktion der Neuronen des Gehirns. Zwei Standardbeispiele die meist zur Illustration der Emergenz  angeführt werden, sind die des Lasers und des Magnetismus, da in beiden Fällen ab einer bestimmten quantitativen Schwelle gewissermaßen ein Qualitätssprung stattfindet, im Falle des Lasers durch das Entstehen gleichphasig ausgestrahlten Lichts bei Überschreitung einer bestimmten Menge an zugeführter Energie und im Falle des Magnetismus durch das Auftreten desselben infolge einer Absenkung der Temperatur eines Ferro-Magneten.

Es ließen sich weitere Beispiele anführen, und generell sind diese Erscheinungen zweifelsohne von höchstem Interesse, an dieser Stelle soll jedoch nur die Beantwortung einer grundsätzlicheren Frage versucht werden,  der Frage nach der Aussagekraft dieser Emergenzerscheinungen und daraus folgend der Übertragbarkeit auf das Geist-Materie Problem. Betrachtet man nämlich genauer, worin sich die emergenten Eigenschaften von dem ursprünglichen Zustand unterscheiden, so wird deutlich, dass die emergente Eigenschaft immer noch der selben Seinsschicht zugeordnet werden kann, d.h. in diesem Falle der physikalischen. Der Magnet wird zwar quasi "spontan" magnetisch, der Magnetismus als solcher ist aber problemlos in einem physikalischen Rahmen beschreibbar, selbiges gilt für den Fall des Lasers. Wenn nun aber, wie z.B. Klaus Mainzer in seiner äußerst lesenswerten Darstellung zur Entwicklung von rechen- und computergestüzter Wissenschaftstheorie (siehe Fußnote 11) betont, es denkbar, ja u.U. sogar in nächster Zeit erklär-, d.h. theoretisch nachvollziebar sein könnte, dass bewußtes Denken und Fühlen dem selben Modell folgend durch einen spontanen Phasenübergang aus der massiv-parallelen Tätigkeit der Neuronen des Gehirns entstehen soll11, so müßte meines Erachtens viel kritischer erörtert werden, wie denn die zweifelsohne gegebene Eigengesetzlichkeit des Denkens (man denke nur an einen mathematischen Beweis), die völlig aus dem Begriffsrahmen der Physik fällt (ja die Physik braucht umgekehrt sogar den mathematischen Begriffsrahmen um ihre Theorien überhaupt formulieren zu können!), durch diese, zunächst (zumindest aus reduktionistischer Sicht) vollständig beschreibbaren physikalischen Vorgänge des parallelen Feuerns der Neuronen entstehen soll. Eine solche Thematisierung scheint jedoch nur als Desiderat (z.B. in der Einleitung) erwähnt zu werden, ohne dass wirklich eine mögliche Lösungstrategie expliziert würde. (Letzteres könnte übrigens, so viel sollte an dieser Stelle eingeräumt werden, auch auf einer noch nicht weit genug reichenden Kenntnis der entsprechenden naturwissenschaftlichen Theorien meinerseits bestehen. Dennoch scheint es mir relativ unstrittig, dass hier ein Punkt getroffen ist, hinsichtlich dessen noch erheblicher Klärungsbedarf besteht, bevor dem Programm der Naturalisierung des Geistes ein wenigstens mittelbarer Erfolg zugetraut werden könnte.)

Bezüglich der Frage nach der völlig eigenständigen Qualität des Bewusstseins, möchte ich mich in Kürze noch zwei weiteren Punkten zuwenden, dem Experiment des Chinesischen Zimmers von Searle, und den Implikationen des berühmten Unvollständigkeitssatzes von Gödel:

Searle und die Nichtformalisierbarkeit des begrifflichen Denkens

Searles 1980 formulierte Argumentation gegen das Vorkommen von Denkprozessen in Computern12, das Experiment des Chinesischen Zimmers, geht von dem Gedankenexperiment, dass ein Mensch der keinerlei Chinesisch versteht sich in einer Kammer befindet in der sich ein auf Kärtchen festgehaltenes beliebig komplexes Regelsystem befindet, nach dessen Regeln der Insasse auf Fragen in chinesischer Sprache, die ihm von außen zugeschoben werden, Antworten konstruiert und zurückschiebt, wobei diese Antworten aufgrund der Güte des Regelsystems von den Außenstehenden nicht von den Antworten eines Menschen der des Chinesischen tatsächlich mächtig ist, unterschieden werden können. Der entscheidende Punkt ist nun, dass, obwohl die Antworten für die Außenstehenden aussehen als verstünde der Insasse der Chinesischen Kammer tatsächlich um was es ginge, dies nicht auch nur ansatzweise der Fall ist; dem Insassen fehlt jeglicher Begriff für den Sinn seines Outputs.

Searles Argument kann also abstrakt in der Aussage zusammengefasst werden, dass ein Satz von Symbolen seine eigene Bedeutung nicht bestimmt. (Der selbe Sachverhalt lässt sich auch in linguistischen Begriffen formulieren indem man sagt, dass die Semantik nicht aus der Syntax ableitbar ist.)

Ein weiteres Beispiel könnte z.B. eine Verkehrsampel sein: Aus den Farben der Lampe selbst, kann ihre Bedeutung für den Verkehr nicht abgelesen werden, diese Bedeutung wird ihnen von außen zugewiesen. Selbiges ließe sich auch für eine Festplatte und ihren Inhalt, ja treffend auch für ein hypothetisch angenommenes Codierungsverfahren des menschlichen Gedächtnisses ausführen: Aus den codierten Information selbst (also den Symbolen) kann die Bedeutung dieser Symbole nicht abgeleitet werden. Wenn also z.B. die Erinnerung an eine bestimmte Wahrnehmung innerhalb meines Gedächtnisses auf rein physikalisch beschreibbare Weise codiert wäre, so könnte aus dieser codierten Information selbst nicht erklärt werden, wie das Auslesen dieser Information genau zu dem tatsächlich erscheinenden, bewussten Erinnerungsbild führt, d.h. es könnte rein physikalistisch gedacht zu einem völlig beliebigen Bild, bzw., und dies ist noch entscheidender, auch zu gar keinem Bild führen; genau wie sich der Insasse des Chinesischen Zimmers keinerlei Bedeutung mit den Symbolen (bzw. Regeln mit denen er für das Verfassen seiner Antwort hantiert) verbinden muss. (Er kann es natürlich tun, da die Regeln für ihn ja beliebig interpretierbar sind, allerdings wird er im Normalfall vermutlich eben rein gar keinen begrifflichen Inhalt mit dieser Symbolmanipulation verbinden.)

Churchland und Churchland verwerfen nun diese Behauptung von Searle, dass Bedeutung nicht aus einem reinem System von Symbolen und Regeln entstehen kann.13 Ihrer Ansicht nach ist es möglich, dass inhaltliche Begriffe in einem äußerst komplexen Prozess der Symbolmanipulation auftauchen könnten. Diese Hoffnung erscheint jedoch wenig fundiert, denn völlig unabhängig von der Komplexität eines rein physikalischen Prozesses der Symbolmanipulation, bleibt es ja doch immer möglich unbegrenzt viele Arten von Bedeutung mit dem System zu verbinden, es sei denn, dass im System selbst ein Anhaltspunkt zu finden wäre, nach dem eine Bedeutung einer anderen vorzuziehen ist.  Allerdings bliebe selbst in diesem Falle noch ein weiterer Einwand übrig, der sich z.B. aus einem Beweis14 des norwegischen Mathematiker Skolem ableiten lässt, und der eng mit dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz zusammenhängt: Skolem bewies, dass es unmöglich ist die Reihe der natürlichen Zahlen mit einer endlichen Anzahl formaler Sätze (im Rahmen der sog. Peano-Axiome) eindeutig zu charakterisieren.

Wir besitzen allerdings offenbar auf begrifflicher Ebene das Vermögen, zumindest mittelbar einzusehen, was die natürlichen Zahlen sind. Diese begriffliche Einsicht (so man sie denn nicht leugnen will), kann aber nicht aufgrund einer endlichen Reihe rein stofflicher Prozesse zustande kommen. Denn stoffliche Prozesse können immer als gleichwertig mit formalen Symbolmanipulation angesehen werden, und mit diesen kann die Reihe der natürlichen Zahlen ja eben gerade nicht umschrieben werden. (Aus dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz lässt sich eine ähnliche Konsequenz ableiten, wie z.B.  Lucas in seinem Aufsatz "Mind, Machines and Gödel" ausführt15).

(Nachtrag: Diese Überlegung müsste zweifelsohne wesentlich gründlicher erörtert werden (wie auch der Großteil des in dieser Arbeit Angeführten). Ich halte den obig ausgeführten Gedankengang mittlerweile sogar in einem solchen Ausmaße für naiv, dass ich ihn schon beinahe als falsch bezeichnen würde.)

Erstaunlich ist nun, dass Searle selbst, die durch seine eigenen Ausführungen eigentlich nahegelegte Konsequenz, das sich Bewußtsein nicht materiell erklären lässt, nicht zieht, sondern in der Eigentümlichkeit des begrifflichen Denkens eine besondere Eigenart biologischer Organismen sieht; dies erscheint jedoch aufgrund der von ihm gemachten Annahme das sich diese biologischen Vorgänge nicht der physikalischen Analyse entziehen, eine schwer zu rechtfertigende Annahme. Man möchte also fast sagen, dass er sein eigenes Gedankenexperiment nicht konsequent genug deutet, bzw. den Widerspruch zu seiner biologistischen Grundannahme nicht zu bemerken scheint.

Dualistischer Interaktionismus?

Ein Beispiel für die seltsame Art fundamentale Probleme materialistischer Positionen zu verschleiern, findet sich in dem Artikel "Geist und Gehirn" von Gerhardt Roth und Wolfang Pauen16, in dem zwei angebliche Varianten des Dualismus beschrieben werden: Ein interaktionistischer, (der gewissermaßen dem klassischen Dualismus entspricht), und ein ephiphänomenalistischer. Letzterer wird dahingehend charakterisiert, dass die materiellen Vorgänge innerhalb des Gehirn zu dem Erscheinen geistiger Prozesse führen, diese jedoch  als ein reines Epiphänomen, also eine reine Nebenwirkung der materiellen Vorgänge ohne kausale Kraft beschrieben werden. Die Probleme die sich nun aus einem solchen Epiphänomenalismus ergeben, werden auch klar angesprochen:

"Unter diesen Bedingungen wäre es allerdings rätselhaft, warum die Evolution zusätzlich zu physischen Prozessen noch mentale Zustände hervorgebracht hat, schließlich können diese aufgrund ihrer Wirkungslosigkeit keinerlei Überlebensvorteile bieten. Es kommt hinzu, da der Epiphänomenalismus sich selbst die Basis für seinen eigenen empirischen Nachweis entzieht: Aufgrund der Wirkungslosigkeit mentaler Phänomene können experimentell nachweisbare Reaktionen von Versuchspersonen niemals als Wirkungen mentaler Prozesse und damit als Indizien für die Existenz dieser Prozesse interpretiert werden. Auch die verbalen Äußerungen, mit denen eine Versuchsperson die Existenz mentaler Zustände bestätigt, hängen ja nicht von den mentalen, sondern allein von den zugrundeliegenden neuronalen Prozessen ab. Würden die mentalen Zustände, die einen bestimmten neuronalen Prozeß üblicherweise begleiten, also einmal ausfallen, dann dürfte sich dies in keiner Weise auf das öffentlich sichtbare Verhalten auswirken. Eine Versuchsperson, bei der es zu einem solchen Ausfall kommt, müßte sich also genauso verhalten, wie sie es ohne diesen Ausfall täte; sie würde die gleichen verbalen Auskünfte geben und hätte später exakt die gleiche Erinnerung. Im Gegensatz zu einer seiner zentralen Thesen kann der Epiphänomenalismus also prinzipiell nicht empirisch belegen, dass bestimmte neuronale Prozesse stets von mentalen Prozessen begleitet werden."17

Ich halte es nun allerdings für extrem irreführend eine solche Position als ephiphänomenalistischer Dualismus zu bezeichnen, da doch eine weitergehende Reduktion (von einem Dualismus zu einem materialistischen Monismus) praktisch gar nicht mehr durchgeführt werden kann, solange man nicht die phänomenalen Aspekte des Bewußtseins, (sprich dasjenige was das Bewußtsein überhaupt erst ausmacht!) endgültig unter den Tisch kehren möchte. Denn aus welchen Gründen gehen denn nun Roth und Pauen davon aus, dass auf eine ihrer Meinung nach tatsächlich monistische Sicht dieses Problems nicht zutreffen würden? Die Thematisierung dieses Problems erfolgt zwar ansatzweise, scheint aber nicht scharf genug erkannt zu werden.

Wenn die Vorstellung, dass materielle Vorgänge mentale Phänomene als Epiphänomen hervorbringen eine dualistische Sicht sein soll, so müßte doch eine rein physikalistisch-monistische Sicht in der gänzlichen Leugnung des Bewußtseins überhaupt bestehen! (So lange man nicht komplizierterweise unterstellen wollte, dass die Materie selbst mentale Qualitäten besitzt, was Roth und Pauen aber nicht anzunehmen scheinen.)

Wiederum lässt sich in Analogie zur obig beschriebenen Situation in der Biologie konstatieren, dass diejenigen die sich am vehementesten äußern, in der Überzeugung alle Rätsel endgültig beantwortet zu haben, gerade die elementarsten Fragen nahezu gänzlich umgehen, oder zumindest nicht das Ausmaß ihrer Problematik erkennen. Den Biologen, die mit größter Überzeugung verkünden, mit dem begrifflichen Arsenal der Molekulargenetik die Rätsel des Lebens endgültig gelöst zu haben, oder doch zumindest in nächster Zukunft endgültig lösen zu können, entsprechen exakt die Neurophysiologen, die mit mindestens ebenso großer Überzeugung verkünden mit den Begriffen der Neurophysiologie die Rätsel des Bewußtseins und der Intelligenz zumindest dem Ansatz nach gelöst zu haben, oder eben  zumindest in nächster Zukunft lösen zu können. Beide Überzeugungen ignorieren Probleme die fundamentaler kaum sein könnten, scheinen sich aber dieser Tatsache höchstens am Rande bewusst zu sein und werfen all denjenigen, die Versuche unternehmen diese Probleme jenseits des materialistischen Dogmas zu lösen, auf der Stelle Unwissenschaftlichkeit vor,  meist noch garniert mit dem Hinweis, derartig "esoterischen" Quatsch habe man ja gar nicht nötig, da man doch die Probleme schon fast gelöst habe. (So z.B. wenn die Ideen Sheldrakes mit dem Hinweis abgetan werden, die jüngsten Forschungen zur Frage nach der Ausdifferenzierung von Zellen (wie durchgeführt von Nüsslein-Vollhardt) stellten doch eine Lösung der von Sheldrake thematisierten Probleme dar, und da Sheldrake diese Forschungsergebnisse ja noch nicht gekannt habe, könnten diese Probleme doch jetzt endgültig begraben werden, womit man eben völlig am Kern des Problems vorbeigeht, wie das Zitat von Ernst Peter Fischer in aller Deutlichkeit belegt.)

Eingedenk dieser fundamentalen Probleme und Erklärungslücken, die einer gedanklich befriedigenden Lösung auf naturalistischem Wege unzugänglich erscheinen müssen, scheint es sinnvoll die Frage zu stellen, ob es denn nicht plausible und langfristig gewissermaßen hoffnungsvollere Lösungen des Leib-Seele bzw. Materie-Geist Problems geben könnte. Nachdem versucht wurde das Unbefriedigende einer materialistisch-monistischen Sicht darzulegen, soll im Folgenden, ausgehend von einer Problematisierung der klassisch dualistischen Sicht, versucht werden der Frage nachzugehen, welche Plausibilität ein objektiver Idealismus, (wie z.B. kennzeichnend für die Philosophie Platons) anbetrachts der modernen Physik und der ja gerade durch Platon aufgeworfenen Fragen des Leib-Seele Problems beanspruchen könnte.

Der objektive Idealismus

Das Grundproblem des cartesischen Dualismus, liegt ja zunächst darin, dass die beiden Substanzen, also Geist und Materie einander völlig wesensfremd sind. Da das Materielle klassisch-mechanisch, also im demokritschen Sinne aus kleinsten Teilchen bestehend gedacht wird, erscheint es natürlich höchst sinnvoll die physikalische Welt tatsächlich als geschlossen zu betrachten, und sie rein aus der Interaktion fundamentaler Teilchen aufgebaut zu denken, eine Weltanschauung die ja ihren radikalsten und scharfsinnigsten Vertreter in Pierre Laplace gefunden hat. Von einer solchen Vorstellung des Materiellen ausgehend, muss natürlich die Frage nach der Möglichkeit einer Interaktion von Geist und Materie, als schlichtweg unbeantwortbar angesehen werden. Nun hat ja allerdings, wie schon erwähnt, die neuere Physik mit derartigen Vorstellungen grundlegend gebrochen, und ist in einer tieferen Hinsicht gewissermaßen zu einer aristotelischen Sicht zurückgekehrt18, ein Wandel des Weltbilds, dessen Implikationen den Begründern der Quantenmechanik, insbesondere Bohr, Pauli und Heisenberg (der explizit darauf hinwies dass die Quantenmechanik gewissermaßen exakt an Aristoteles anschließt) durchaus bewusst war, der jedoch allzu oft wieder in Vergessenheit zu geraten scheint. Betrachtet man nun die Konsequenzen, die sich aus einer philosophischen Betrachtung der Erkenntnisse der Quantenmechanik ergeben können, wie z.B. die Vorstellungen David Bohms, der zu der direkt an Cusanus anschließenden Idee gelangt, dass eine "eingefaltete" Ordnung (implicate order), unserer ausgefalteten (sinnlich-wahrnehmbaren) Ordnung (explicate order) zugrundeliegt, sie also erst konstituiert, dann ergibt sich eine völlig neue Perspektive auf das Problem des Verhältnisses von Geist und Materie, die ja auch von Bohm, neben vielen anderen, explizit auf die Fragen des Bewußtseins angewendet wurde. Denn der entscheidende Unterschied zu einer cartesisch dualistischen Vorstellung liegt ja nun gerade darin, dass durch das Hervorgehen der sinnlich-physikalischen Welt aus einer ihr zugrundeliegenden geistigen Dimension, es plötzlich durchaus vorstellbar erscheint, dass das Bewußtsein als Teil der geistigen Dimension tatsächlich Einfluss auf die sinnlich-physikalische Welt haben solle.

Eine derartige, sicherlich am besten durch den Begriff des objektiven Idealismus zu beschreibende Sichtweise geht gewissermaßen über das allzu enge Raster der öfters anzutreffenden Einteilung in Materialismus, Dualismus, und (subjektiven) Idealismus hinaus, insofern, als sie der, schon durch das Alltagsbewußtsein zwingend geforderten dualistischen Vorstellung, weder durch einen platten, das seelisch-geistige zum reinen Epiphänomen degradierenden Materialismus begegnet, noch durch einen ebenso unbefriedigenden, jegliche Außenwelt zur Produktion des Inneren degradierenden Idealismus, sondern indem sie von der primären Gegebenheit unserer seelisch-geistigen Innenwelt einerseits, sowie der, aus den Erkenntnissen der neueren Physik potentiell ableitbaren, Konsequenz einer geistigen Qualität der materiell-sinnlichen Welt19, ausgeht, und den einzig wirklich plausiblen Schluss zieht, dass es eine fundamentalere Ebene der Wirklichkeit geben muss, die beidem, also der geistig-seelischen Innenwelt sowie der sinnlich-physikalischen Aussenwelt zugrundeliegt. Eine ähnliche Sicht findet sich z.B. bei E. Laszlo, der sie als Evolutionismus20 bezeichnet.

(Es ist mir bewusst dass an dieser Stelle eigentlich eine genauere Klärung des Verhältnisses von platonischem und aristotelischem Idealismus unternommen werden müßte, was allerdings den vorgegebenen Rahmen dieser Arbeit wiederum übersteigen würde.)

Interessant ist dass Ansätze zu einer Auflösung des Dualismus heutzutage oft gewissermaßen von der exakt entgegengesetzten Seite unternommen werden, so z.B. wenn Paul Davies im Schlussteil des Buches "The Matter Myth"21 die Vorstellung eines tatsächlich existierenden Geistes verwirft, da sich die Materie ja völlig in interagierende Felder aufgelöst habe, und zu der Feststellung kommt, dass der dualistische "Geist in der Maschine" Mythos falsch sei, nicht weil es keinen Geist gebe, sondern keine Maschine.  Eine derartige, immer noch rein von der physikalisch beschreibbaren Realität ausgehende Sicht, erscheint zwar insofern verdienstvoll als sie die Natur der physikalischen Realität richtig beschreibt, jedoch muss meines Erachtens die Annahme, dass die Begriffe der physikalisch beschreibbaren Realität (seien es nun Felder oder virtuelle Teilchen) schon ausreichen um die Natur des Bewußtseins hinreichend zu erklären, letztlich gerade deshalb verworfen werden, weil durch die Quantenmechanik der Geltungsbereich der physikalischen Theorie auf eine Art und Weise eingeschränkt wird, die einen aus der Sicht der Naturwissenschaft irrationalen Einfluss auf die Wirklichkeit deutlich macht. (Am deutlichsten zu sehen in der Tatsache dass die quantenmechanische Wellenfunktion eben nur noch Wahrscheinlichkeiten beschreibt, und die Frage was die durch den Begriff der Wahrscheinlichkeit implizierten Möglichkeiten letztlich "auswählt" und tatsächlich in die physische Realität projiziert nicht mehr durch die Physik beantwortbar ist.)

Platt ausgedrückt besteht der "Vorteil" einer objektiv Idealistischen Sicht meines Erachtens schlicht darin, dass von ihm ausgehend eine prinzipielle Lösung der Bewusstseinsfrage auf dem Wege der Introspektion durchaus möglich erscheint, wohingegen ein materialistischer Monismus, immer gänzlich unbefriedigend bleiben muss, da, wie ja schon ausgeführt, es nicht auch nur ansatzweise einsichtig ist, was denn von sich aus ein neuronales Muster in einer "meat machine" (wie Marvin Minsky das Gehirn bezeichnete) je mit einem bewussten Gedanken zu tun haben sollte, geschweige denn wie es ihn erzeugen(!) könnte. So radikal der Schluss auch klingen mag, scheint es mir eingedenk der obig thematisierten Probleme durchaus vernünftig, diese Vorstellung der Erzeugung einer bewussten, seelisch-geistigen Innenwelt durch rein physikalische Prozesse schlicht als eine materialistische Wahnidee zu bezeichnen, die keiner wirklichen gedanklichen Überprüfung stand halten kann.

Zum einen weil sich die ursprünglich im demokritschen Sinne so schön anschaulich vorgestellte materielle Welt der "vor-quantenmechanischen" Physik gewissermaßen in etwas aufgelöst hat, was nur noch phänomenal beschreibbar ist, wobei diese Auflösung meines Erachtens positiv zu sehen ist, da die demokritsche Vorstellung von elementaren "Teilchen", ja letztendlich doch eine durch keine einzige Wahrnehmung gestützte metaphysische Annahme darstellt, die darüberhinaus zu einer Reihe von physikalischen Paradoxien führt, die meines Erachtens erst durch eine aristotelische Interpretation der Quantenmechanik auflösbar werden.22.

 Zum anderen, weil mehrere Gedankenexperimente, wie z.B. die oben beschriebenen von Gödel und Searle, darauf verweisen, dass die Natur des begrifflichen Denkens unformalisierbar ist (Skolem, Gödel) und Intentionalität, als einer elementaren Beziehung zu Weltinhalten, nicht auf formal syntaktischem Wege erreicht werden kann (Searle).

Anwendung der ausgeführten Überlegungen auf die KI-Debatte


Viele Aspekte der behandelten Themen mussten in dieser Arbeit aus Zeit und Platzgründen gänzlich übergangen werden, unter diesen z.B. ein näheres Eingehen auf die von Popper und Eccles in "The Mind and Its Brain" entwickelten dualistischen Ideen, den Funktionalismus, die Konnektionismus/Symbolismus Debatte (inklusive der technischen Details  wissensbassierter Systeme und neuronaler Netze), die Einzelheiten und unterschiedlichen Standpunkte bezüglich der Qualia-Debatte (wie z.B. Das "explanantory gap Argument  von Joseph Levine oder das "knowledge-argument" von Frank Jackson), oder auch eine genauere Erörterung der neueren Erkenntnistheorien wie der Evolutionären Erkenntnistheorie oder des Konstruktivismus. (Eine umfangreichere, diese und weitere Aspekte ausführlicher diskutierende Arbeit, könnte u.U. in einer, sich an die Thematik dieser Arbeit unmittelbar anschließenden Hauptseminarsarbeit geleistet werden.)

Zusammenfassend lässt sich jedoch schon hier zumindest ein vorläufiges Resümee ziehen: Insofern als die Betrachtung des Anspruchs der starken KI, seelisch-geistige Prozesse tatsächlich mithilfe physikalischer Maschinen zu erzeugen, im Sinne des obig ausgeführten eigentlich nur eine Schlussfolgerung zulässt, nämlich die, dass dieser Anspruch weitgehend unhaltbar ist; da er, wie oben ausgeführt, von einer naiv-reduktionistischen Weltsicht bestimmt ist, die sowohl die phänomenalen Qualitäten des Bewußtseins umgehen muss, da sie außerstande ist, sie befriedigend zu erklären, und die darüberhinaus von einer grundlegend überholten Vorstellung bezüglich des Charakters und des Geltungsbereichs physikalischer Gesetzmäßigkeiten ausgeht.

Ein Ausweg aus dieser "Materialismus-Falle" durch einen objektiven Idealismus, wurde versucht  wenigstens dem Ansatze nach darzustellen, wobei sich hier ein weites Feld eröffnet das zweifelsohne in höchstem Maße der philosophischen (Weiter)Bearbeitung bedarf. Dies, so scheint mir, auch aus dem Grunde, dass ohne eine solche (Weiter)Bearbeitung, eine schon vielfach zu beobachtende Spaltung zu befürchten ist: In das Lager der extremen Naturalisten einerseits,  die ein echtes Problembewusstsein bezüglich der Unzulänglichkeit ihrer eigenen Theoriebildung schmerzlich vermissen lassen (und besonders in der Frage der Willensfreiheit in letzter Zeit mit drastischer, oft äußerst populistischer Vehemenz auftreten23), und das Lager unerquicklicher Esoteriker andererseits, die fernab jeglicher wissenschaftlichen Systematik, die durch die ideologisch verengte Weltsicht des Wissenschaftsbetriebs erzeugte Lücke hinsichtlich der Weltdeutung, trefflich für den Ausbau ihrer eigenen, meist allzu schlichten Weltsicht nutzen können.

(Nachtrag: Ich bin erst nach Fertigstellung dieser Arbeit auf die hochfaszinierenden Ausführungeen von Vittorie Hösle und Dieter Wandschneider zum objektiven Idealismus gestoßen. Ich hoffe in nicht allzu ferner Zukunft eine eingehendere Bezugnahme auf diese Ausführungen folgen lassen zu können.)

1 Klaus Mainzer, Computer - Neue Flügel des Geistes?: Die Evolution computer-gestützter Technik, Wissenschaft, Kultur und Philosophie, de Gruyter, Berlin; New York 1995

2 Gerhard Helm, Symbolische und konnektionistische Modelle der menschlichen Informationsverarbeitung - Eine kritische Gegenüberstellung, Springer Verlag Berlin Heidelberg, 1991

3 Helm, a.a.O S.4

4 Zitat sowie weitere weitere Denkanstöße sind dem Aufsatz des Berliner Philosophen Jochen Kirchhoff , Ist das Göttliche eine Gehirnfunktion ?" Seins Magazin, Dezember 2001 ( http://www.sein-berlin.de/archiv/dezember/gehirnfunktion.html ) entnommen.

5 Gerhardt Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit - Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1997. S. 328-31

6 [...] denn selbst bei völliger Kenntnis des Zustandes der Flüssigkeit vor der Kristallbildung wird die Gestalt  des Kristalls durch die quantenmechanischen Gesetze nicht festgelegt. (W. Heisenberg, Die Entwicklung der Quantenmechanik,in: Die moderne Atomtheorie. S.Hirzel, 1934.

7 http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,294750,00.html

8 Sheldrake, A new Science of Life, Blond & Briggs Limited, London, 1981.

9 Helm, a.a.O. S. 7

10  Carl Fr. von Weizsäcker, Die Geschichte der Natur, Vandenhoeck & Ruprecht , 1992.

11 Mainzer, a.a.O. S. 246

12 John. R. Searle, Geist, Gehirn, Programm,aus: Wolf Zimmerli (Hsg.) Künstliche Intelligenz. Philosophische Probleme. Reclam, Stuttgart 1994.

13  P.M. Churchland / P.S. Churchland, Could a machine think?, in: Scientific American., 1/1990, S. 26-31.

14  T.Skolem, Über die Nichtcharakterisierbarkeit der Zahlenreihe mittels endlich oder abzählbar unendlich vieler Aussagen mit ausschließlich Zahlenvariablen, in: Fundamenta Mathematica, 23/1934, S.150-161.

15 JR. Lucas, Minds, Machines and Gödel, in: The Modeling of Mind, Kenneth M.Sayre and Frederick J.Crosson, eds., Notre Dame Press, 1963, S. 269-270.

16 Unter der Originaladresse nicht mehr verfügbar, Kopie verfügbar unter: http://people.debian.org/~leist/geist-und-gehirn.html

17 Roth/Pauen, a.a.O.

18 Eine Erkenntnis, die ich an Anlehnung an Jos Verhulsts, Der Glanz von Kopenhagen, Geistige Perspektiven der modernen Physik" Verlag Freies Geistesleben 1991, in einer Arbeit für das Seminar Theoretische Philosophie, SS 2004 von Prof. Hubig, versucht habe näher auszuführen.

19 Heisenberg z.B. ging sogar soweit, den durch ihn gefundenen mathematischen Formalismus zunächst rein platonisch zu deuten!

20 Laszlo, Das fünfte Feld, Lübbe, 2002. S. 248

21 Davies & Gribbin, 1991:302

22 Ich denke hierbei insbesondere an die Zenonschen Paradoxien der Bewegung, und Bergsons Explikation ihrer Beziehungen zur Quantenmechanik.

23 : Wobei dieser Anspruch die biologische Determiniertheit neuronaler Prozesse (und aus naturalistischer Sicht damit verbunden, der seelisch-geistigen Innenwelt des Menschen) als quasi- unausweichliche Konsequenz anvisiert zu haben, (bzw. sogar anvisieren zu müssen!), bei näherer Besichtigung des tatsächlichen Forschungsstandes ja nicht auch nur ansatzweise als gerechtfertigt erscheinen kann.